Mein Name ist Michael Ferris und ich möchte mit der folgenden Geschichte gerne einen kleinen Ausschnitt meines Lebens
mitteilen. Es ist die Geschichte, wie ich nach Europa kam, um unter dem weltberühmten Gitarristen Elliot Fisk zu studieren und
meinen Magister in Konzertgitarre zu machen. Selber bin ich nicht berühmt geworden, aber das soll diese Geschichte nicht stören
und sollte auch niemals Thema irgendeines Künstlers sein. Wichtig ist für mich nämlich, dass ich meine persönlichen Ziele
erreicht habe und die Möglichkeit bekommen habe, ein faszinierendes Leben voller Herausforderungen zu führen. Ich halte es für
eine gute Idee, meine Geschichte weiterzugeben, da ich hoffe, andere dadurch zu ermuntern, ihre Träume zu verwirklichen. Doch
zuerst stellt sich die Frage: Wie kam es dazu, dass ich meine Träume in die Realität umsetzen konnte? Dazu sei vorab gesagt, dass
meine wichtigste Lektion diese war: niemals aufzugeben.
Ich habe erst mit 17 Jahren begonnen, Gitarre zu spielen. Mein Vater hat einen Musikladen in einer Kleinstadt in Michigan.
Anfangs wollte ich lediglich ein bisschen spielen, um die Gitarren besser vorführen und verkaufen zu können. Ich begann zuerst
mit einfachen Akkorden, die ich mit meiner Stimme begleitet, da es im Laden einige Liederbücher gab. Obwohl mein Vater ein
professioneller Gitarrist in einer Rockband war, wollte er mir nichts beibringen. Er betonte immer wieder, dass er nicht wolle, dass
ich als Musiker ende... Mein erstes Lied war American Pie von Don McClean. Nach vier Wochen schaffte ich es, zwischen den
Akkorden zu wechseln. Ich dachte also, dass ich bereit wäre, in einem Café bei einer freiwilligen Vorführung mitzumachen. Dies
endete in einer totalen Katastrophe! Ich war die jüngste Person zwischen Gitarristen, die schon seit Jahrzehnten spielten. Dann,
während ich vorspielte, riss auch noch meine Saite...
Nach vier Wochen ging ich zurück. Zuerst wollte die Chefin, selbst eine Gitarristin, mich nicht einmal spielen lassen. Ich flehte sie
verzweifelt an und sie gab mir noch eine Chance... Ich spielte… Alle standen auf und klatschten. Es war fabelhaft!
Ich hatte einen sehr starken Willen und wollte besser werden. Allerdings wusste ich, dass ich es nicht allein schaffen könnte. Beim
Laden meines Vaters gab es einen Lehrer Namens Dan. Er hatte in Kalifornien beim „Guitar Institute of Technologie“ studiert.
Ich wollte lernen und da er der einzige Lehrer in unserer ganzen Stadt war, begann ich bei ihm Stunden zu nehmen. Alle beim
Laden meines Vater, wo ich immer geübt habe, lobten meine raschen Fortschritte.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie mir Dan, der ein Fan von Gitarrentechnik war, nahe legte, eine bestimmte CD zu
kaufen…nämlich die 24 Cappricci von Nicolo Paganini gespielt von Eliot Fisk. Er sagte zu mir: “Das ist die erstaunlichste Technik
der Welt!”. Zuvor hatte ich noch nie etwas von Eliot Fisk gehört, kaufte aber trotzdem die CD. Als ich die CD eingelegt und auf
„Play“ gedrückt hatte, hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben klassische Gitarre. Es war fantastisch! Nie hatte ich gedacht, dass
Gitarre so gut klingen könnte! Von diesem Moment an wollte ich so Gitarre spielen können.
Dan sagte mir, dass man extrem fortgeschritten sein muss, um auf diesem Niveau spielen zu können. Ich hatte ich ein neues Ziel in
meinem Leben - ich wollte klassische Gitarre spielen. Also rief ich “Lake Michigan College” an, die nächstgelegene Uni, für deren
Kurse ich allerdings zu jung war, bis ich endlich den Lehrer von Andrew’s University persönlich kontaktieren konnte. Er meinte,
wenn ich wirklich so zielstrebig sei, könne er mich als Privatschüler annehmen. Damals lernte ich Samuel Kaligithi, meinen
ersten klassischen Gitarrenlehrer, kennen, der für mich zu meinen besten Lehrern zählt. Er brachte mir nicht nur das Instrument
bei, sondern begeisterte mich auch für die Musik und die Gitarre an sich, was meiner Meinung nach die schwierigste Aufgabe eines
Lehrers ist. Er war für mich eine Inspiration. Was mich betraf, war er der beste Gitarristen der Welt. Durch ihn bekam ich zum
ersten Mal Gitarre live zu hören und war begeistert! Das Lernen machte mir so viel Spaß, dass ich manchmal zehn bis zwölf
Stunden am Tag spielte.
Jedes Mal wenn ich beim Laden meines Vaters spielte, bekam ich Lob für meine Verbesserung, was mich dazu brachte, sogar noch
mehr zu üben..
Als mein Schulabschluss kurz bevor stand, wurde in meiner Klasse viel darüber nachgedacht, was man nach der Schule machen
sollte. Ich wusste schon, was ich machen wollte: ich wollte aufs „Chicago Conservatory of Music“. Das war die nächstgelegene
Möglichkeit, um Musik zu studieren. Mein Lehrer gab mir zu bedenken, dass ich auch in Österreich studieren könnte, wo er selbst
an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien studiert hatte. „In Ordnung”, sagte ich, “wo ist Österreich?“ Obwohl
ich zuvor noch nie von Österreich gehört hatte, hatte ich von nun an die Idee im Kopf, dort zu studieren. Meine Eltern, die nicht
gerade reich sind, waren entsetzt von dem Floh, den Sam mir ins Ohr gesetzt hatte! Doch Sam betonte, dass ein Studium im
Ausland nicht nur meinen Horizont erweitern würde, sondern dass ich neben der Musik auch noch eine andere Sprache und Kultur
kennen lernen würde.
Sam gab mir nicht nur Ideen, er half mir auch bei deren Umsetzung. Außerdem versicherte er mir, dass ein Studium in Europa
nicht so teuer sei und er mir bei der Unterkunft behilflich sein würde. Es war auch sein Einfall, dass ich vor meiner
Aufnahmeprüfung ein Solokonzert spielen sollte und bereitete das Programm mit mir vor. Ich hatte noch etwas über ein Jahr vor
der großen Reise nach Österreich. An diesem Punkt bestand Sam darauf, dass ich mit Deutschunterricht beginnen müsse. „Warum
muss ich Deutsch lernen?“ fragte ich ihn erstaunt… Kurze Zeit später schrieb ich mich für einen Deutschkurs ein. Alles schien
glatt zu laufen.
Im Programmheft für mein Solokonzert, das ein voller Erfolg war, hatte ich folgendes geschrieben: it is my wish to study in Vienna
under Konrad Ragossnig. Auch Sam hatte unter Ragossnig studiert und ebenso wollte ich das.
Wien, Österreich, Heimatstadt vieler berühmter Komponisten und musikalischer Meister – und da war ich inmitten dieser riesigen
Stadt im Juni 1996, ohne die geringste Ahnung, wie ich überhaupt vom Flughafen bis ins Zentrum gelangen sollte...
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Geschichte: Wie meine Träume wahr wurden
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