Zwei ältere Damen retteten mich. Sie nahmen mich praktisch bei der Hand und kauften mir
ein U-Bahnticket. Mein erster Eindruck der Wiener Innenstadt war überwältigend. Mit
einem Zettel in der Hand, auf dem Sams Wegbeschreibung stand, versuchte ich mich zu
orientieren. Es war einfach alles so „deutsch“, alle Schilder, alle Aufschriften, alles auf
Deutsch! Ich weiß, das klingt ziemlich ignorant, aber ich hatte es wirklich nicht in diesem
Ausmaß erwartet. Ich konnte ein bisschen sprechen, dank Mrs. Renate Pennington, meiner
Deutschlehrerin. Immer noch wenn ich an diese Situation zurückdenke, an mich und das
Stück Papier in meiner Hand, muss ich lachen. Darauf standen Dinge wie: „Steig aus dem
Zug aus, geh nach rechts, geh geradeaus bis du zu einer Bushaltestelle kommst, nimm den
Bus nach Kagran“. Unglaublicherweise fand ich irgendwann meine Unterkunft, die mir Sam
vermittelt hatte. Man erwartete von mir, einen Schlafsack dabeizuhaben und ich versuchte
daher, in der Nähe einen aufzutreiben. Nachdem ich mich heillos in dem Wiener Randbezirk
verlaufen hatte, völlig erschöpft nach dem langen Flug, legte ich mich ohne den Schlafsack
auf meine Koffer und schlief sofort ein.
Am nächsten Morgen hatte ich frische Energie. Ich machte ausfindig, wo die
Musikhochschule war und konzentrierte alle meine Gedanken darauf, die Aufnahmeprüfung
zu schaffen. Als der große Tag kam, wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, wie eine
Aufnahmeprüfung eigentlich abläuft. Als ich die Bühne durch einen Hintereingang betrat,
starrten mich sämtliche Professoren der Jury an. Da ich möglichst höflich sein wollte, stieg
ich von der Bühne und begrüßte die Professoren einzeln und stellte mich vor. Das war ganz
offensichtlich ein kultureller Fauxpas in Österreich. Einige streckten mir nicht einmal ihre
Hand entgegen. Konrad Ragossnig, den ich eigentlich am meisten beeindrucken wollte,
schaute mich nur verächtlich an. Ich ging zurück auf die Bühne und wartete ängstlich, bis
mir jemand zuschrie, ich solle endlich anfangen. Nach zwei Takten unterbrach mich Konrad
Ragossnig und fragte mich, warum ich in meinem Konzertprogramm geschrieben hatte, dass
ich mit ihm studieren könne? Offensichtlich hatte er mein Englisch missverstanden. Ich
versuchte mich zu retten, indem ich sein Englisch korrigierte. Das war wohl ein großer
Fehler, denn er sagte nur mehr: „RAUS!“
Wie man sich leicht vorstellen kann, war das definitiv nicht der Beginn meines Studiums in
Österreich, sondern der enttäuschendste Tag meines Lebens und ich hatte das Gefühl, alle
meine Träume würden hier einfach enden.
Ich fuhr zurück zu der Kirche, bei der ich untergekommen war. Eine Frau, die dort arbeitete,
kam in mein Zimmer, nachdem sie mich schluchzen gehört hatte. Bis heute ist die folgende
Unterhaltung für mich der Beweis dafür, dass Gott existiert. Die Frau sprach nur Deutsch
und obwohl mein Deutsch nicht gut war, verstand ich jedes Wort von dem, was sie sagte. Sie
erklärte mir, dass es auch andere Musikhochschulen gebe und dass die Wiener Schule nicht
die einzige sei.
Sie erzählte mir, dass sie ursprünglich aus Salzburg sei und dass es dort eine andere sehr
gute Schule gebe. In meinem gebrochenen Deutsch gab ich ihr zu verstehen, dass ich alles
tun würde, um nicht mit dieser Niederlage nach Hause fahren zu müssen. Sie rief für mich
beim Mozarteum in Salzburg an und schrieb mich für die nächste Aufnahmeprüfung im
Oktober ein. Ich hatte wieder Hoffnung. Jetzt konnte ich es nicht erwarten, nach Hause zu
fahren und meinen Eltern von meinen neuen Plänen zu erzählen. Meine Eltern machten sich
natürlich, nachdem sie gehört hatten, was passiert war, große Sorgen und waren ebenso
enttäuscht. Ich werde nie den Blick meines Vaters vergessen, mit dem er mich zu Hause
empfing. Trotzdem erzählte ich ihm von meinem neuen Plan und er musste sich setzen vor
lauter Erstaunen. Damals dachte ich, er hielt mich einfach für blöd, dass ich es nochmals
versuchen wollte. Heute weiß ich, dass er unglaublich stolz auf mich und meinen Mut war.
Doch dieses Mal wollte ich vorbereitet sein. Sam war leider nach Kalifornien gezogen, hatte
mich aber an einen anderen Lehrer weiter vermittelt und zwar an Jerry Zubco in South
Bend, Indiana. Ich musste gute 45 Minuten zu meinen Stunden fahren, aber er bereitete
mich gut vor. Eine seiner Stärken war es, Leute auf Aufnahmeprüfungen vorzubereiten. Er
erklärte mir genau, wo ich meine Fehler in Wien gemacht hatte. Obwohl es mir um Sam leid
tat, war Jerry genau der Lehrer, den ich zu dieser Zeit brauchte. Sam hatte trotz seines
Umzugs eine Unterkunft in Salzburg für mich organisiert, was mir klar machte, dass er mehr
noch als ein Lehrer, ein echter Freund geworden war.
Bei der Aufnahmeprüfung in Salzburg spielte ich nicht nervös, sondern wütend. Ich trug
meinen besten Anzug und spielte mir die Finger wund. Dann kam die große Frage: „Herr
Ferris, Sie haben nicht geschrieben, mit wem sie studieren möchten. Wenn Sie mit Eliot
studieren wollen, müssten Sie noch einmal spielen.“ Ich fragte: „Eliot?“ Die Antwort war:
„Wenn Sie mit ihm studieren wollen, müssten Sie für ihn spielen. Er ist im Moment noch
nicht da.“
Ich begann zu begreifen, dass ich nicht nur aufgenommen war, sondern dass jetzt diskutiert
wurde, wer mich nehmen würde. Meine Intuition riet mir, jetzt zuzugreifen.
„Ich möchte mit demjenigen studieren, der mir als Spieler am besten weiterhelfen kann,“
antwortete ich so diplomatisch wie möglich. Erst später fand ich heraus, dass sie über Eliot
Fisk, den Grund für meinen Wunsch, klassische Gitarre zu spielen, gesprochen hatten.
Ich begann mein Studium bei Maria Siewers de Pazur, eine sehr talentierte Gitarristin aus
Argentinien. Sie ist eine sehr nette Frau, aber ihre Unterrichtsmethoden waren ein bisschen
zu streng für mich. Sie ist eine renommierte Lehrerin, doch nicht jeder Lehrer kann für
jeden Schüler gut sein. Ich wünschte, ich hätte damals gewusst, was ich heute weiß. Erst
später wurde mir der Unterschied zwischen negativer und positiver Kritik bewusst. In
Nordamerika ist es eher üblich, positive Kritik zu geben, in der Hoffnung, dass sich der
Student dadurch sogar mehr engagiert. In Europa und Südamerika ist es genau umgekehrt
und die negative Kritik herrscht vor. Das funktioniert vielleicht bei vielen, aber nicht bei
mir. Ich hatte große Probleme damit und kam so weit, mein Studium nach nur einem Jahr
abzubrechen. Es war einfach zu viel Druck, eine neue Sprache zu lernen, weit weg von zu
Hause zu sein und nicht einmal die Gitarrenstunden zu genießen, der Grund für meinen
Aufenthalt in Österreich! Doch nach ein paar Monaten zu Hause, entschied ich mich, nicht
einfach alles so hinzuwerfen. Ich wollte Lehrer wechseln und mit Eliot Fisk studieren. Also
flog ich zurück nach Österreich.
Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Eliot sagte mir bei einem Telefongespräch, dass
er keinen Platz in seiner Klasse hätte. Ich gab nicht auf. In den folgenden Tagen traf ich
Eliot mindestens vier Mal zufällig in der Stadt , an der Uni und sogar auf der Post. Ich bat
ihn, mich nicht abzuweisen, ohne mich wenigstens spielen zu hören. Er war einverstanden....
Ich werde nie vergessen, was er mir nach meinem Vorspielen sagte: „Also, Michael, du
hast absolut keine Technik, aber du spielst mit so viel Gefühl, dass 10 Prozent von dem, was
du spielst, einfach schön ist.“
Über einige Jahre nach diesem Ausspruch hinweg hat er sich nicht nur als wunderbarer
Lehrer, sondern auch als Inspiration und guter Freund erwiesen.
Ich könnte noch seitenweise darüber schreiben, wie warmherzig und offen er mir gegenüber
war. Er unterstützte mich bis zum Ende, bis ich mein Diplom in der Hand hatte.
Ich möchte meine Geschichte gerne mit der Tatsache beenden, dass Samuel Kaligithi, mein
erster Gitarrenlehrer, zu meinem Abschlusskonzert nach Österreich gekommen ist. Er hatte
recht gehabt, dass ein Studium im Ausland meinen Horizont erweitern würde. Ich habe nicht
nur die Sprache und die Kultur verstehen gelernt, sondern auch die Liebe meines Lebens
gefunden und bin inzwischen glücklich mit einer Österreicherin verheiratet. Wenn ich
zurückdenke, ist es schwierig zu entscheiden, welcher meiner Träume Wirklichkeit wurde.
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Wie meine Träume wahr wurden - Seite 2
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